Reiseschätze — Heading home to myself

Manchmal muss man sehr weit weggehen, um zu Hause anzukommen, um bei sich selbst zu landen. Ich war zehn Wochen lang alleine mit meiner fünfjährigen Tochter auf Reisen. Ich bin mehr als 6000 km gefahren, in unserem VW T4 95er-Baujahr..

Über den Balkan bis in den Süden der Türkei. Dem Ruf meines Herzens folgend bin ich als Solo-Backpackerin mit meinem Kind nach Israel geflogen und habe die palästinischen Hoheitsgebiete bereist. Es hat mich viel Mut gekostet und es war nicht immer leicht. Hier teile ich mit dir, was ich unterwegs gelernt habe …

Die Lizenz zum Ausprobieren

Ich gebe mir die Erlaubnis, mich auszuprobieren, diesen Pinsel jetzt in die Hand zu nehmen, ohne zu wissen, was ich damit anfangen will. Am Ende stattdessen Wildkräuter pflücken. Was für eine Erleichterung, wenn ich aufhöre mich zu verurteilen, dass meine Ideen nicht kohärent sind! Ja, meine Pläne dürfen sich ändern, und zwar oft und gemäß meiner Stimmung. Basta.

Nett sein zu mir

Wo ich mir in meinem Berliner Alltag oft heftige Erwartungen aufzwinge, die ich am Ende des Tages nicht erfüllen kann, (wofür ich mir dann gleich doppelt böse bin) bin ich auf Reisen viel nachsichtiger mit mir selbst. Denn ich schaffe schon viel, wenn ich ein Bett für uns finde (oder wenigstens ein Dach über dem Kopf), wenn ich Essen beschaffe (vielleicht sogar etwas Warmes), wenn ich uns sicher von A nach B bringe (indem ich den Daumen rausstrecke oder zehn Stunden hinter dem Steuer sitze). Unterwegs ist gar nichts ‚for granted‘ – jedes bisschen Komfort ist eine Errungenschaft. Also bin ich stolz auf mich, jeden Tag.

Meine Bedürfnisse sind mein Navi

Statt mir zu überlegen, was ich will (Erziehungsmodell, Monatseinkommen, Zielort) und dann einen Plan zu schmieden, wie ich da hinkomme, lasse ich los. In jedem Moment meinen Körper und mich zu spüren ist meine oberste Priorität. 

Ich glaube meinen Bedürfnissen, dass sie echt sind, wahr und richtig. Auch wenn mein Kopf sie als ‚irrational‘ verunglimpfen will. Also handle ich in dem Vertrauen, dass ich genau da ankomme, wo ich eigentlich hin wollte, wenn ich meinen Bedürfnissen folge, und zwar einem nach dem anderen. Dabei entsteht unendlich viel Genuss. Das Leben kann dann seine Magie entfalten, wenn ich es nicht durch Planen erdrücke. Alles wird bunter und schöner, wenn ich in der Gegenwart lebe, statt in einem Film aus Zukunftsprojektionen.

Dem eigenen Rhythmus folgen

Viel Frustrationspotential im Alltag – gerade wenn Kind(er) darin vorkommen – entsteht aus den zeitlichen Korsetten, die wir übergestülpt bekommen von Job, Stundenplänen, Terminkalendern, Kitaschließzeiten, Dienstpläne und so weiter. Auf Reisen kann ich die zyklische Natur meiner Weiblichkeit feiern und ausleben. Ich habe zum Beispiel herausgefunden, dass meine Tochter und ich am liebsten einen sehr langsamen Morgen haben und erst um 14 Uhr losziehen. Spät abends kommen wir an den Ort zurück, wo unser Kopfkissen liegt, um aneinander gekuschelt einzuschlafen. Wie viel leichter alles geht, wenn ich die Dinge dann mache, wenn sie angesagt sind! Wenn ich auf meine innere Uhr höre, statt auf das Ziffernblatt zu schauen.

Freiheit mit Kind

Meine Freiheit musste ich früher gegen mein Mama-Sein ‚verteidigen’ – die Kita als Bollwerk. Deswegen hat mich die Vorstellung 24/7 mit meiner Tochter zu verbringen, ohne Pause, ohne Abstand, einigermaßen gegruselt. Doch es wurde leichter, statt schwerer: Alles synchron zu erleben und durchzustehen entspannt uns beide total. „Wenn wir jetzt nicht darüber streiten, haben wir mehr Energie, was Schönes zu machen“. Das versteht mein Kind – und so verlieren wir keine unnötige Energie mit Machtkämpfen oder Nörgeleien. Gemeinsame Abenteuer statt Care-Arbeit.

Mein Lieblings-Mama-Modus ist frei von selbst auferlegten Zwängen, wie ich sein soll als Mutter. Stattdessen bin ich einfach, wie ich bin. Dadurch öffnet sich mein Herz und die Liebe zu meiner Tochter und ihre Liebe zu mir können frei fließen.

 

Mit der Angst verbünden

Es gibt eine Angst, die mir sagt: „Vorsicht, nicht hier entlang“. Sie beschützt mich und dafür bin ich ihr dankbar. Dann gibt es eine Art von Angst, die ich tätscheln kann, wie einen struppigen Hund, und der ich sage: „In der Vergangenheit hat es dir Angst gemacht, ich verstehe dich, aber jetzt machen wir es anders“. Ich schätze diese Angst, weil sie mich darauf hinweist, was ich schon alles erreicht habe auf meinem Weg. Besonders auf Reisen kommt noch die beklemmende Angst, die sich um den Brustkorb legt, wenn eine schwierige Entscheidung ansteht.

Zum Glück kommt sie mit ihrer Schwester, der wissenden Hoffnung, die sagt: „Genau das ist die richtige Richtung.“ Wenn ich mir mit dieser Angst in den Armen liege – Tränen in den Augen – dann geschieht eine Verwandlung. Ich sage ja und wage etwas. Dann habe ich mich entschieden, dem Leben zu vertrauen, dass es es gut mit mir meint. Dann wachse ich ein Stück mehr zu mir heran

Judith Schunk, 32, lebt mit ihrer Tochter, 5, in Berlin. Als selbstständige Therapeutin und Müttercoach gibt sie Einzelsitzungen und Workshops zum Thema #regrettingmotherhood

Mehr zu ihrer Arbeit findest du unter:

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