Wo gehts denn hier nach Kinderhausen?

Gesellschaftliche Fragen und Erwartungen zur Familiengründung

Eine gesellschaftliche Erzählung: Frauen* haben Sex mit Männern*, werden schwanger und bekommen Kinder. So entstehen dann eigene Familien: Vater, Mutter, Kind und im Idealfall kommt dann noch ein zweites Kind hinzu.

Schon in der Schule lernen wir, wenn wir denn in den Genuss von Sexualkunde-Unterricht kommen, dass eine Schwangerschaft unbedingt verhindert werden muss. Wir lernen aber nichts darüber, dass zum Beispiel die Fruchtbarkeit ab einem gewissen Alter rapide abnimmt. Und wir lernen auch nichts darüber, dass sich die Spermienqualität seit den 1970er Jahren deutlich verschlechtert hat.

Ich möchte mit meinem Partner ein Kind bekommen, ich möchte eine „Familie gründen“, doch auf natürlichem Weg hat es bisher nicht geklappt.

 

Damit 50% der Behandlungskosten für reproduktionsmedizinische Unterstützung von der Krankenkasse übernommen werden, muss man verheiratet sein.

Diese gesellschaftliche Erwartung wird verbal immer wieder an uns herangetragen. Und sollten wir uns für diesen Schritt entscheiden, werden wir es irgendwann eben auch ganz real am eigenen Portemonnaie spüren.

Mein Partner möchte nicht heiraten. In mir schlummert immer noch eine romantisierte Vorstellung vom großen Liebesfest, obwohl mir eigentlich bekannt sein müsste, dass die Ehe meist für die Frau* ungesunde Auswirkungen hat.

Şeyda Kurt schreibt in ihrem Buch Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist dazu:

 

“Studien beweisen immer wieder, dass Männer mehr von der hetero Ehe profitieren als Frauen. Sie essen und leben gesünder. Ein Forschungsteam aus dem italienischen Padua kam 2016 zu dem Ergebnis, dass der Stress und Druck, den Frauen durch die Bindung an ihren Partner empfinden, krank machen. Sie leben isoliert von ihrem sozialen Umfeld. Sie leben meist länger und müssen ihre männlichen Ehepartner pflegen. Und dann ist da ja noch die Sache mit der Haus- und Fürsorgearbeit.”

 

Aber etwas zu wissen, ist das eine. Etwas fühlen ist das andere. Und auch hier stellt sich die Frage:

 

Was ist mein eigener innerer Wunsch? Was sind so starke gesellschaftliche Erzählungen oder familiäre Prägungen, dass ich sie verinnerlicht habe und denke, es wären meine inneren Wünsche?

In ihrem Beitrag unlearn family aus dem Sammelband unlearn partriarchy schreibt Teresa Bücker darüber, dass wir eben auch kaum andere Vorbilder für Familien haben.

 

Wie können Familien/Sorgegemeinschaften jenseits vom traditionellen Vater – Mutter -Kind – Modell aussehen? 

Wenn wir vielfältigere Modelle vorgelebt bekämen, würden sich dann vielleicht mehr von uns für andere Familienformen entscheiden?

 

Meine Eltern haben sich getrennt als ich ein paar Jahre alt war. Mein Vater ist wieder in eine Wohngemeinschaft gezogen. Ich bin im Wechselmodell mit einer großen Patchwork-Familie aufgewachsen. Dieses Modell war weit davon entfernt ‚perfekt‘ zu sein, aber trotzdem ermöglicht es mir, zu wissen und zu fühlen, dass andere Formen von Sorgegemeinschaften möglich sind.

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